In Charleston angekommen

Am Freitag ging es volle Fahrt voraus nach Charleston. Der Hurrican zog weiter und uns konnte nichts mehr aufhalten. Auch das Meer wurde wieder ruhiger und so konnte ich nach dem Begleichen der Rechnung nochmals an Deck meine Runden ziehen und Abschied nehmen. Nochmals kam Wehmut auf, aber nun zog es mich auch an Land…

Die Einfahrt in den Hafen von Charleston war nochmals sehr beeindruckend. Unter einer grossen Brücke hindurch an der Altstadt vorbei in den Hafen. Doch noch waren wir nicht von Board. Zuerst mussten noch alle Zoll- und Grenzkontrollen erledigt werden. Komischerweise brauchte es bei mir, mit einem B-Visum deutlich länger, als bei den anderen mit ESTA… Aber egal, danach konnten wir das Schiff ohne weitere Zollformalitäten verlassen. Da Gustl auch in Charleston von Board ging, blieben wir zusammen und schauten gemeinsam, wie es weiter gehen sollte…

Noch auf dem Schiff hatte ich mir ein Auto gemietet. Ein kleiner Geländewagen mit genügend Platz und guter Übersicht. So konnte ich nach dem Verlassen des Schiffes sofort an den Flughafen und das Auto in Empfang nehmen. Alles hat wunderbar geklappt (ausser dass wir beim Taxipreis abgezockt wurden… guter Einstieg in die USA…) Nach einer Weile fanden wir auch ein Hotel, welches halbwegs bezahlbar war und so ging der Tag erfolgreich und zufrieden zu Ende.

Somit ist ein äusserst spannendes, interessantes und lehrreiches Kapitel meiner Reise abgeschlossen. Nun wartet Florida auf mich…

Hurrican Dorian lässt uns warten

Die Entscheidung, Dorian noch auf dem Meer aus dem Weg zu gehen, war zweifelsfrei richtig. Wir erhielten zwar immer noch sehr wenige Infos. Über Whatsapp (Dank an Thomas Zolliker, für die detaillierten Daten) wussten wir ein wenig, was da in Küstennähe geschah. Dann lieber auf hoher See warten, bis das Schlimmste vorbei war. Der Captain positionierte uns in sicherem Abstand zum Sturm, trotzdem waren die Wellen so, dass aus Sicherheitsgründen keine Runden mehr gedreht werden durften. Mental hatte ich mich auch bereits auf Charleston gefreut und deshalb waren die zusätzlichen Tage eine Geduldsprobe. Doch auch in diesen Tagen gab es viel zu Erleben. Das Highlight war sicher die Geburtstagsparty eines Crew-Mitglieds am Mittwochabend. Alle waren eingeladen und wir schauten zögerlich rein, mit uns rechnete wohl niemand… weit gefehlt! Mit einer Herzlichkeit, welche ich noch selten erlebt habe, wurden wir begrüsst und in der Runde der Crew aufgenommen, als würden wir seit Monaten dazu gehören. Essen in Hülle und Fülle und Wein und Bier floss in Strömen. Eine Geburtstagstorte gehörte natürlich ebenso dazu wie Karaoke. Je länger der Abend umso öfter war das berüchtigte «Bottom Up» zu hören. Der zweite Engineer und Gustl liessen sich das nicht zweimal sagen und zeigten allen mehrfach, wie es geht. Ich mit meinem Cola bot dabei weniger Spektakel ? Als wir uns dann verabschiedeten, bedankten sich alle nochmals überschwänglich für unser Erscheinen. Ein toller Abend ging damit zu Ende! So viel Freundlichkeit und Warmherzigkeit als Passagier erleben zu dürfen, hat mich sehr berührt. 

Am Donnerstag konnte ich nochmals den Maschinenraum besichtigen. Nachdem ich bereits wusste, was mich erwartete, konnte ich mich auch besser darauf vorbereiten. Nun wusste ich genau, welche Fotos ich noch machen wollte und auch, was ich noch für offene Fragen hatte. Auch dieses Mal kam ich aus dem Staunen nicht heraus. Die Grösse dieses Dieselmotors und Kraft, welche diese Maschine seit 18 Jahren liefert, ist unglaublich. Er läuft bereits mit über 100’000 Betriebsstunden immer noch zuverlässig. Natürlich wird es bestens gewartet und überwacht. Das alles durch die Techniker auf dem Schiff, wahre Allrounder. Es wurde uns auch nochmals versichert, dass wir am Freitag am späteren Nachmittag in Charleston einlaufen werden. Nun passte es für mich gut. Die drei zusätzlichen Tage haben mich gut mit dem Schiffsleben abschliessen lassen. Gespannt schaue ich auf das neue Kapitel Florida… aber zuerst freue ich mich nochmals auf eine Hafeneinfahrt.

Anders als geplant…

Dienstagmorgen, Zeit um sich auf Charleston vorzubereiten. Die Pläne für das Weiterkommen waren geschmiedet, das vermeintlich letzte Frühstück an Board genossen und ich wollte die Rechnung beim Captain begleichen. Doch aus allem wurde nichts… Die Reederei hatte die Weiterfahrt des Schiffs gestoppt und uns zum Warten in sicheres Gebiet geschickt. Die Erleichterung beim Captain und den Crewmitgliedern war sofort spürbar. Gustl und ich schwankten zwischen Erleichterung und Enttäuschung. Es wäre vielleicht ganz interessant gewesen, so einen Hurrican mal mitzuerleben.

Was wir jedoch später am Nachmittag alles via Whatsapp über die Auswirkungen des Hurricans hörten, liess die Erleichterung in den Vordergrund treten. Auf den Bahamas verursachte Hurrican Dorian scheinbar grosse Schäden und in Charleston wurden die Einwohner evakuiert. Und wir wollten dort aussteigen und uns wie gewöhnlich nach Hotelzimmern umsehen…

Nun bleiben wir voraussichtlich weitere drei Tage auf hoher See und werden dann Freitag, wenn alles vorbei ist, in Charleston einlaufen.

Das Ende naht…

Nach der Party von Samstag schien es Sonntagmorgens ein wenig ruhiger zu werden. Doch bereits auf der Morgenrunde wurde klar, dass Die Crew keinen freien Tag hat. Es wurde wieder auf dem ganzen Schiff gearbeitet. Bei einer Reparatur konnte ich nicht vorbei laufen… Ein Seil für die Schiffsbefestigung am Hafen (Durchmesser ca. 10cm, Länge 200m) wurde abgerollt. Im vordersten Drittel war das Seil teilweise beschädigt. Deshalb wurde es umgekehrt wieder montiert, die Schlaufe vorne abgetrennt und dann wurde aus dem Ende der Anfang und umgekehrt… das alleine ist ja eine gute Idee, um das Seil länger verwenden zu können, aber eigentlich nicht so eine grosse Sache, wenn da die Schlaufe nicht wäre. Damit das Schiff am Hafen angemacht werden kann, braucht es am Ende des Seiles eine Schlaufe, doch wie macht man eine neue Schlaufe? Ein Knoten geht bei diesen Dimensionen ja nicht… Spleissen ist angesagt. Das kenne ich zwar aus der Theorie, doch dachte ich mir, da müsste wohl ein Speziallist kommen, nichts dergleichen. Die Matrosen haben die einzelnen Stränge vorne aufgetrennt und anschliessend mühsam fünf Meter weiter hinten wieder eingeflochten. Spleissen gehört bei denen (wie eigentlich alles) einfach zum Job… Alle Achtung vor diesen Seemännern!

Am Abend und in der Nacht folgten dann die Highlights des Tages, der beste Sonnenuntergang der ganzen Reise, das bedeutete, praktisch kein Wolkenband am Horizont. Die Sonne versank im Meer. Zwei Stunden später folgte nochmals der Blick zu den Sternen. Ich kann mich nicht erinnern, dass ich die Milchstrasse vorher jemals so klar und deutlich gesehen hätte.

Am Montagmorgen wurde plötzlich das Thema Hurrican aktuell. Dorian wanderte von Florida der Küste entlang nach Norden in Richtung Charleston. Gustls Kollegin hatte ihn bereits früh gewarnt, aber wir haben dies immer ein wenig humorvoll kommentiert. Doch nun kamen Meldungen von überall, in Charleston werde sogar bereits die Evakuierung geplant… Ankunft des Schiffes in Charleston Dienstagabend, Hurrican-Warnung auf Mittwoch oder Donnerstag… Wir fingen an, Pläne zu schmieden und Varianten auszuarbeiten, wie wir in Charleston sicher das Unwetter überstehen würden. Doch irgendwie änderten sich die Aussagen immer wieder und so liessen wir es dabei und drehten einmal mehr unsere Runden auf dem Schiff. Heute wurde überall geputzt, obwohl das Schiff für mich bereits sehr sauber gehalten wurde. Die Einfahrt in einen Hafen verlangt Hochglanz…

Am Nachmittag konnten wir auch unseren Pool (3x5m) ausprobieren. Er wurde mit Meerwasser gefüllt, welches hier bereits über 25⁰C warm war. Eine angenehme Sache und sehr speziell, auf dem Meer im Meerwasser aber nicht im Meer zu schwimmen.

Der Tag war aber auch bereits mit ersten Vorbereitungen für das Verlassen des Schiffes belegt. Ich wusch alle gebrauchten Kleider, um meine Floridareise frisch starten zu können. Es kam bereits ein wenig Wehmut auf, aber noch blieb ja ein Tag…

In der Nähe von Kanada

Den Atlantik hatten wir praktisch überquert. Am Freitagmorgen waren wir bereits deutlich näher am Ziel, zumindest bezogen auf den Längengrad… Doch nach Charleston war es immer noch weit, 5 Tage Fahrt, bedeutet in etwas 3000km… Aber ich bemerkte doch, dass meine Zeit auf dem Schiff langsam zu Ende ging… Bereits ein wenig nostalgisch genoss ich die Zeit an Deck und fotografierte einmal mehr einen wunderschönen Sonnenuntergang. Was mir noch fehlte, war eine klare Nacht. Das war etwas, was ich mir bereits vor der Reise speziell vorgestellt hatte. Keine Lichtverschmutzung und demzufolge Millionen von Sternen. Leider wurde es nach dem Sonnenuntergang immer stärker bewölkt und um halb Zehn ging ich enttäuscht in die Kabine. Ich beschäftigte mich noch ein wenig mit den Fotos, schrieb einige Zeilen und wollte dann schlafen gehen… nichts da! Ein letzter Blick aus dem Fenster liess mich sofort zur Brücke hoch eilen. Die Wolken waren weg und am klaren Himmel funkelte es nur so! Atemberaubend! Ich stand über eine Stunde an Deck, lies mich beeindrucken und ging meinen Gedanken nach. Auf dem Atlantik, über einem das funkelnde Weltall – da wird man sich seiner Winzigkeit richtig bewusst.

Am Samstag dann ein ganz spezieller Tag. Wir wollten wieder unsere Runden drehen, als uns mitgeteilt wurde, dass wir um 10:40 Uhr den Maschinenraum besichtigen durften. Ein weiterer Wunsch ging in Erfüllung! Der Maschinenraum war nämlich bis anhin der einzige Ort, an welchem die Passagiere nicht alleine rumlaufen durften. Was für Dimensionen, 2-Takt Diesel, 10 Zylinder, je 1m Durchmesser, Länge ca. 20m, Höhe ca. 15m, Nenndrehzahl ca. 65 1/min. Die Kurbelwelle treibt direkt die Schraube an. Dazu Pumpen, Wasseraufbereitungsanlagen, Dieselgeneratoren, und und und… Mir war schon bewusst, dass es sich um eine riesige Maschine handeln muss, diese aber live zu sehen und die Kraft dahinter zu spüren, ist nochmal etwas ganz anderes. Neben der Maschine stand noch ein neuer Kolben, den Sie in Mexico für einen alten austauschen werden. Ich stand daneben, etwa gleich gross wie ich… Auf meine Frage, wer dann kommen werde, um diese Reparatur vorzunehmen, war der Chefingenieur ein wenig betupft… selbstverständlich werde er mit seiner Crew diesen Austausch vornehmen, das sei schliesslich seine Arbeit!

Es ist sowieso unglaublich, wie gut sie ausgerüstet sind. Natürlich darf auf dem Schiff ein Drehbank nicht fehlen und auch sonst haben sie vieles dabei. Trotzdem ist es erstaunlich, mit welchen Werkzeugen hier praktisch alles selbst gemacht wird. Brennschneiden genau so, wie elektrisch schweissen, etc. Sie sind handwerklich sehr begabt und äusserst improvisationsfähig.

Am Abend folgte dann auch noch die Tage im Voraus angekündigte Party! Barbecue und alles was dazu gehört. Soviel Fleisch, Seafood, Würste, selbst gemachte Cevapcici, Reis, Kartoffeln, etc. habe ich schon lange nicht mehr gesehen. Dazu noch ein stundenlang vorbereitetes Spanferkel nach philippinischer Art zubereitet. Hätte jetzt für mich nicht sein müssen, aber für die Mannschaft war dies schon ein spezielles Festessen. Und was folgt nach dem Essen, wenn 2/3 der Crew Philippinos sind: Karaoke!!! Mit Glück für alle, kam ich ums singen rum, aber unter ihnen waren wirklich einige talentierte Stimmen zu hören. Eine ausgelassene und fröhliche Stimmung gemeinsam mit allen Crewmitgliedern machte den Abend zum Highlight.

Einmal mehr mit einem perfekten Sonnenuntergang und einer sternenklaren Nacht ging dieser erlebnisreiche Tag zu Ende!

Inmitten des Atlantiks

Mittwochmorgen war ich bereits sehr früh (ca. 5 Uhr) wach und sah durch das Fenster den Sternenhimmel. Den wollte ich schon lange einmal ohne Lichtverschmutzung anschauen. Gegen sechs Uhr stand ich immer noch bei völliger Dunkelheit auf. Doch ca. 10 Min. später war es bereits so hell, dass nur noch wenige Sterne sichtbar waren. Den Sternenhimmel hatte ich verpasst… aber ich habe ja noch einige Tage und Nächte Zeit. Dafür konnte ich einmal mehr einen wunderschönen Sonnenaufgang geniessen.

Zum Frühstück gabs «Strammer Max». Zuerst verstand ich das gar nicht, da ich einen englischen Begriff erwartete. Aber es handelt sich dabei um ein Frühstück aus Norddeutschland. Eine Scheibe Pumpernickel, Tomaten, Zwiebeln und oben drauf zwei Spiegeleier. Schmeckte hervorragend! Viel besser, als es sich anhört…

Gemäss GPS und Googlemaps waren wir ziemlich genau in der Mitte unserer Überfahrt, ab diesen Tag sind wir bereits näher bei Amerika als bei Europa. Schon ein wenig ein komisches Gefühl zu wissen, dass das nächste Ufer über 1000km entfernt ist.

Den ganzen Tag über schien die Sonne und das Meer war sehr ruhig, richtig angenehm. Dazu meinte der Kapitän, dass sich das Wetter gemäss Wetterbericht stetig bessere… da kam Freude auf, obwohl ich einer Wettervorhersage über mehrere Tage nicht recht trauen wollte. So genossen wir das schöne Wetter, drehten einige Runden an Deck und liessen es uns gut gehen. Ich freute mich bereits auf einen tollen Sonnenuntergang. Zwei Stunden später regnete es jedoch bereits ☹ Nichts mit Sonnenuntergang, dafür interessante Gespräche mit dem 3. Offizier aus Philippinen. Er ist auch ein Fan von Roger Federer und so kamen wir gut ins Gespräch.  Gespannt auf das Wetter am nächsten Tag ging ich schlafen.

Auch am Donnerstag kein strahlend blauer Himmel, aber viel besser als erwartet. Nach einem Frühstück mit Spiegeleiern und Sausage waren weitere drei Runden auf Deck mehr als notwendig.

Heute wurde den ganzen Tag repariert, Rost abgeschliffen und neu gestrichen. Der Deckmechaniker trennte mit dem Schneidbrenner Stufen aus einer Treppe und schweisste neue rein. Bei einem Schliessmechanismus war der Vierkant nicht mehr gut. Den hat er ausgebaut und mit Auftragsschweissen und anschliessendem Schleifen wieder repariert. Wirklich beeindruckend, wie er sich bei allem zu helfen weiss. Aber auch die anderen sind permanent am Arbeiten. Nichts für faule Leute (ausser als Passagier ?)

Nach dem Mittagessen mit einem Coup Dänemark und frischen Donuts (hervorragend zubereitet, da konnte ich nicht widerstehen) war ein Spaziergang unumgänglich. Dabei gesellte sich auch Gustl wieder dazu und wir machten uns auf den Weg zu weiteren drei Runden. Dabei konnten wir bereits den ersten Vogel aus der Westküste beobachten. Als Zoologe kennt er sich dabei natürlich aus. Es ist immer wieder interessant, Ihm zuzuhören. Er hat bereits so viele Orte auf der Welt bei seinen Forschungen bereist und dabei viele spannende Geschichten erlebt, mit welchen er mich gut unterhält. 

Unsere Beobachtung bewahrheitete sich dann auch auf der Brücke. Auf dem Bildschirm des Autopiloten tauchte seit langem wieder mal Land auf. Natürlich von Auge nicht sichtbar, aber wir näherten uns definitiv der neuen Welt. Mal schauen, an welcher Position ich am nächsten Tag aufwachen werde…

Die ersten Tage auf dem Atlantik

Am Montagmorgen verliessen wir den Ärmelkanal bei recht gutem Wetter. Auf dem Radar konnten immer weniger Schiffe ausgemacht werden, bis wir schlussendlich im Radarumfeld ca. 12 Seemeilen allein unterwegs waren. Freie Fahrt auf hoher See.

Mit Gustl zusammen haben wir unsere Runden auf Deck gemacht. Jeweils drei am Morgen und drei am Nachmittag. Ein wenig Bewegung zusätzlich zum Treppensteigen hilft, das reichliche und gute Essen zu verdauen. Immer wieder machten wir neue Entdeckungen, sei es ein Regenbogen über den Wellen, seien es Möven die mit uns mitfliegen oder Dinge am Schiff, die wir noch nicht bemerkten.

Der Wind frischte ein wenig auf und plötzlich wechselte das Wetter. Wir fuhren in eine Regenfront. Doch das Meer blieb mehr oder weniger ruhig uns so blieb das Reisen immer noch äusserst komfortabel.

Nach einer nicht mehr ganz so ruhigen Nacht begann auch der Dienstagmorgen regnerisch und ein wenig rauer. Das Schiff stampfte (Rotationsbewegung um die Querachse) doch merklich, aber es war immer noch gut auszuhalten. Beim Frühstück klarte das Wetter auf, die Sonne schien und es wurde auch wieder ein wenig ruhiger. Doch gerade als wieder auf unseren Spaziergang wollten, wechselte das Wetter und es regnete sintflutartig. 15 Minuten später starteten wir den Rundgang, dann wieder bei prächtigem Sonnenschein…

Nachmittags wieder schlechtes Wetter und nun auch unruhigere See. Gemäss dem ersten Offizier hatten wir ca. 5 Meter hohe Wellen. Dies war von der Brücke aus betrachtet gar nicht so richtig ersichtlich, aber bei mir im Magen doch leicht spürbar… der erste Kaugummi gegen Seekrankheit kam sicherheitshalber zum Einsatz. Obwohl später das Wetter (und auch mein Magen) wieder besser wurde, blieb das Deck für einen weiteren Spaziergang gesperrt. So blieb ich auf der Brücke und genoss von da die verschiedenen Stimmungen am Himmel.

Die Brücke ist neben der Kabine der Ort, wo ich mich am meisten aufhalte. Ich schaue den Offizieren bei Ihrer täglichen Arbeit über die Schultern und geniesse den Blick in den weiten Horizont. Manchmal ergeben sich gute Gespräche über die Arbeit, das Schiff oder das Leben auf See. Nicht einfach, sechs bis neun Monate von der Familie getrennt zu sein. Teilweise konnten Sie die Geburt Ihres Kindes nicht miterleben, verpassen Geburtstage oder sonstige spezielle Ereignisse. Dafür sind sie dann anschliessend ca. drei Monate zuhause und haben frei. Auch nicht schlecht, ich bin jedoch sehr froh, dass ich meine Familie und meine Freunde nach 5 Wochen wieder sehen werde…

Richtung Atlantik

Am Sonntag fuhren wir durch den westlichen Teil des Ärmelkanals. Wir überquerten um ca. 8:45 Uhr den Nullmeridian, was mich veranlasste, ein kurzes Frühstück zu nehmen, damit ich rechtzeitig wieder auf der Brücke war um auf dem GPS System mitzuverfolgen, wie die Richtungsangabe der Koordinate von E auf W wechselte…

Tagsüber fuhren wir an der englischen Küste entlang, wobei sie selten zu sehen war. Immer noch waren aber viele Schiffe mit uns unterwegs und wir konnten auch wieder Windfarmen und Bohrtürme beobachten.

Einer der Attraktionen neben der spannenden Technik und der betörenden Natur ist jeweils das Essen. Zum Abendessen gab es zur Vorspeise Lachs und ein rumänischer Kartoffelsalat, anschliessend ein Cheeseburger mit Spaghetti Carbonara… Eine spezielle Kombination aber sehr köstlich und vor allem sättigend…

Wir sind nun zu Dritt als Passagiere auf dem Schiff. Gustl, ein pensionierter Zoologe und Verhaltensforscher, der lange an der Uni Zürich dozierte auf der Reise zu Freunden in Amerika und Hanna, eine Norwegerin, welche jedoch schon über 20 Jahre in England gelebt hat und immer wieder die Welt bereist. Wir sind eine gute Gruppe und vor allem mit Gustl kann ich mich sehr gut unterhalten (nicht nur aufgrund der Sprache, wir verstehen uns auch sonst sehr gut und es gibt bereits spannende Gespräche)

Den Sonntagabend genoss ich auf der Brücke. Einige Wolkenfelder tauchten auf und es ergab sich wie immer eine wunderbare Stimmung am Horizont. Der dritte Offizier hat mir aufgezeigt, wie gross der Treibstoffverbrauch in etwa ist. Pro Tag benötigt das Schiff ca. 60 – 70 Tonnen Schweröl. Dabei legt es ca. 650km zurück. Dies entspricht einem Verbrauch von ca. 10t pro 100km oder ca. 100l für einen Kilometer! Riesige Zahlen, aber mit 85’000 Tonnen Fracht pro Frachttonne dann eben doch recht wenig…

Seit Sonntag habe ich nun auch Internet über Satellit. So kann ich trotzdem die Verbindung nach Hause aufrechterhalten, obwohl wir auf hoher See sind. Aber die Kosten sind nicht zu vernachlässigen: 0.2$ pro MB tönt nicht nach viel, bedeutet jedoch 200$ pro GB. Deshalb verzichte ich aktuell noch auf das Hochladen von Fotos. Aber immerhin kann ich weiterhin von hier berichten und die Website mehr oder weniger aktuell halten.

Durch den Ärmelkanal

Früh morgens gings von Antwerpen los nach Charleston. Aufgrund der Wetterlage hat der Captain entschieden, durch den Ärmelkanal zu fahren. Geplant war auf der Reise durch die Nordsee oberhalb von England in den Nordatlantik zu gelangen. Auf diese Route wäre ich aufgrund der Karte wohl nie gekommen, aber scheinbar ist die Erde doch rund ?

Ich verbrachte den grössten Teil der Reise an Deck. Es gab den ganzen Tag viel zu sehen. Militärschiffe, grosse Autofrachter, Fischerboote, Segelboote, etc. Besonders beeindruckt haben mich riesigen Offshore- Windparks. Ich habe bestimmt über 100 einzelne Windanlagen gezählt. Auch Bohrinseln gibt es immer wieder zu bestaunen. Natürlich kennt man alles aus dem Fernseher, doch diese Grössen in Echt zu sehen ist schon ein Erlebnis.

Am Nachmittag wurden wir vom dritten Offizier durchs Schiff geführt. Obwohl ich bereits vieles kannte, war der Rundgang sehr spannend. Wir kamen dabei in den CO2 – Feuerlöschraum. Ein ausgeklügeltes System und viele CO2 Flaschen sollen einen Brand sofort löschen. Obwohl nur von Wasser umgeben ist Feuer eine grosse Gefahr. Danach gingen wir ins Ruderhaus. Ein riesiger Raum im Heck des Schiffes mit der Ruderanlage. Gewaltig, mit welcher Leichtigkeit sich das riesige Ruder bewegt. Auf der einen Seite die beeindruckende Natur des Meeres, auf der anderen Seite ein Schiff voller ausgeklügelter Technik. Zwei Welten auf einer Reise.

Nachdem ich einmal mehr den wunderbaren Sonnenuntergang auf der Brücke bestaunt hatte, wollte ich langsam in meine Kabine. Unüblicher weise drang Musik aus dem Aufenthaltsraum der Crew ins Treppenhaus. Ich schaute kurz rein und wurde sofort eingeladen… Meistens am Samstag sitzen sie alle gemeinsam zusammen und feiern das Wochenende. Wein, Bier, kalte Platten und natürlich Karaoke… Die Offenheit und Fröhlichkeit zu erleben und gemeinsam mit Ihnen auf die Reise anstossen zu dürfen, hat mich sehr bewegt (besonders da ich nun weiss, wie hart das Matrosenleben in Tat und Wahrheit ist…). Nach einem lustigen, geselligen Abend ging ich müde, aber glücklich schlafen.

Bereits heute hatte ich praktisch kein Internet mehr und mir mit Glück ist es mir noch gelungen, diesen Beitrag hochzuladen. Deshalb muss ich nun um Geduld bitten, bis weitere Beiträge erscheinen werden.

Bremerhaven

Morgens um 5 Uhr sind wir in Bremerhaven angekommen. Zufällig war ich gerade wach und wollte natürlich die letzte Hafeneinfahrt in Europa nicht verpassen. Ein Spektakel, wie die Schlepper das riesige Schiff genau an die Anlegestelle bringen. Im Gegenzug zu den Hafenarbeitern ging ich danach jedoch wieder schlafen… ?

Da mein Mitfahrerkollege nach seiner sechs wöchigen Tour die Reise hier beendete, konnte ich mit Ihm mit in die Innenstadt von Bremerhaven. Eine schöne Hafenstadt mit einer gepflegten Deichanlage, alten Hafenanlagen und einer schönen Fussgängerzone. Hoch oben auf der Aussichtsplattform von Sail City konnte ich die Stadt und die Gegend bewundern. Kein Hügel war zu sehen, alles flach…

Interessant war auch das Auswandererhaus. Ein Museum, welches in eindrücklicher Art die Auswanderung im 19. Und 20. Jahrhundert beschreibt. Ca. 7 Millionen Menschen stiegen hier ins Schiff ein, um eine glücklichere Zukunft in Amerika zu finden. Sie liessen dabei alles hinter sich und wussten nicht was sie erwarten wird.

Irgendwie konnte ich mich ein wenig in sie einfühlen, ist doch Bremerhaven auch für mich der letzte Hafen auf diesem Kontinent… Doch Gott sei Dank, nur für eine beschränkte Zeit und mit dem Wissen, (hoffentlich) wieder nach Hause zu können. Wenn ich mir die Situation der Auswanderer vorstelle, wird mir richtig unbehaglich. (und das findet heute ja eigentlich immer noch statt, nur von anderen Orten aus zu anderen Zielen…)

Ich schaute, dass ich zum Nachtessen wieder im Schiff war. So konnte ich meine zwei neuen Mitpassagiere begrüssen. Ich werde mit einer Frau aus Norwegen und einem Deutschen, welcher lange an der Uni Zürich gearbeitet hat, die Überfahrt in Angriff nehmen. So kann ich doch teilweise noch ein wenig Deutsch sprechen ?

Morgen um 6 Uhr soll es wieder losgehen. Ohne Halt durch den Ärmelkanal und dann über den Nordatlantik… Ich bin gespannt, wie sich das anfühlen wird. Nach einigen Tagen auf dem Schiff fühle ich mich so gut wie möglich vorbereitet und bereit auf die unendlichen Weiten… (live long and prosper ?)

P.S. In den nächsten Tagen werde ich wohl immer wenig auf eine Internetverbindung zählen können, deshalb werden wahrscheinlich auch die Abstände meiner Erlebnisberichte länger…